entdeckt die strasse_projuventute

Die Quartierstrasse als Spielraum nutzen

Wo ist denn Spielraum für meine Kinder, um die neuen Rollschuhe und das Einrad auszuprobieren? Längst nicht alle Pausenplätze von Schulen dürfen privat genutzt werden. Der Parkplatz des Bürogebäudes nebenan geht auch nicht – dieser ist unter der Woche voll belegt. Okay, wir könnten natürlich einen der berühmten Spielplätze der Stadt besuchen (meine Kinder wären begeistert). Doch dann müssten wir den Bus oder das Velo nehmen, Regenjacken, Zvieri und die Rollschuhe einpacken – das erinnert mich an Umziehen. Ausserdem müsste ich dorthin mit und könnte nichts im Haushalt erledigen. Also für mich keine valable Lösung. Was bleibt? Die Quartierstrasse als Spielraum nutzen!

Spielflächen vor dem Haus erobern

Um die Autos zu warnen, dass wir hier am Spielen sind, hat mein Partner einen grossen Blumentopf auf Rollen gebaut. Darin steckt ein hohes, leuchtendes Fähnchen, das von weitem zu sehen ist. Damit erobern wir jetzt eine wunderbare Spielfläche direkt vor dem Haus. Zwischendurch müssen wir uns ärgerliche Blicke von Autofahrern gefallen lassen, der Lieferservice nimmt den Weg um den Block. Natürlich machen wir Platz, wenn jemand durchwill – aber eher ungern, jetzt, wo wir endlich einen Spielraum vor der Türe haben.

Die Strasse als Spielraum

Wer die Strasse als Spielraum nutzen möchte, sollte eine amtliche Bewilligung einholen. Dazu hat man zwei Möglichkeiten:

  • Eine temporäre Spielaktion bei den Behörden anmelden, zum Beispiel an einem Samstag oder Sonntag. Eventuell in Kombination mit einem Anwohnerfest. Die Anmeldung muss im Voraus geschehen und die Aktion bewilligt werden. Die Strasse wird dann mit offiziellen Gittern beidseitig gesperrt. Ansprechperson ist meist das Tiefbauamt oder die Polizei.
  • Die Strasse als Begegnungszone kennzeichnen lassen. Dies ist eine permanente Veränderung und meist nur bei wenig befahrenen Quartierstrassen möglich. Wichtig ist es, vor dem Antrag gut abzuklären, welche Kriterien ausschlaggebend sind, und alle Anwohnerinnen und Anwohner zu fragen – am besten persönlich. Diese haben nämlich gegenüber den Behörden eine Stimme, und es gilt, eine Mehrheit von Befürworterinnen und Befürwortern zu gewinnen – Minipolitik! Hilfreiche Infos bietet die Plattform Begegnungszonen.ch.

Eine temporäre Spielaktion oder ein Strassenfest kann sich auch gut als Vorbereitung für eine Umzonung der Strasse eignen. Wir staunten unlängst, als plötzlich «Gegner», die schriftliche Einsprachen gemacht hatten, friedlich mit den Leuten diskutierten, welche eine Bewilligung beantragt hatten. Wichtig ist es, das lokale Gewerbe (Laden, Coiffeur etc.) rechtzeitig und sorgfältig zu informieren, ebenso die Anwohner – sonst kann es Reklamationen geben.

Geeignetes Spielmaterial

Als Material für das Spielen auf der Strasse eignen sich neben Bällen auch lose Gegenstände wie Bretter, Klötze, Boccia-Kugeln, Seile, Rohrstücke etc. Im Sommer Wasserwannen und benetzte Blachen zum Rutschen – mein 5-Jähriger liebt das. Es gibt vielerorts auch Angebote der Gemeinden für die Quartiere – mobile Spielaktionen der offenen Arbeit mit Kindern genannt -, bei denen Spielmaterial zur Verfügung gestellt wird.

P.S. Warnung: Die Strasse als Spielraum zu sehen, kann Ihre Wahrnehmung verändern und Grenzen sprengen. Bald sehen Sie, wie viel Platz da wäre, um überall zu spielen!

Susan Glättli

Susan Glättli

Susan Glättli ist Geografin und Journalistin, im Vorstand des Vereins «Kind, Spiel & Begegnung» im Berner Länggassquartier sowie Mutter zweier Kinder.

Hat Ihnen der Artikel weitergeholfen?

2
0