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Warten können: wie Kinder dem Konsumdruck standhalten

Mein Sohn wünscht sich ein neues Game, meine Tochter möchte gerne das neue Smartphone. Das Leben in einer Konsumgesellschaft bringt es mit sich, dass man dazu neigt, Wünsche sogleich erfüllen zu wollen. Durch Werbebotschaften werden ständig neue Bedürfnisse geweckt. Doch warten und einen Wunsch aufschieben können ist eine wichtige Fähigkeit, die wir unseren Kindern vorleben und weitergeben sollten.

Täglich werden wir auf verschiedenen Kanälen mit Werbung berieselt. Auch Kinder sind für die Werbung längst zu einer wichtigen Zielgruppe geworden, und dies aus zwei Gründen: weil sie ihre Eltern beim Kaufen beeinflussen und weil sie selber Geld ausgeben.

Werbung beeinflusst

Werbung spielt mit unseren Emotionen und erzählt uns von tollen Abenteuern, vom langanhaltenden Erfolg, vom ewigen Schönsein, vom Coolsein, von unvergesslichen Ferien und Freizeit. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, die Bemühungen der Werbeschaffenden sind nicht vergeblich und beeinflussen uns. Uns wird die Botschaft vermittelt, dass wir dies alles jetzt und sofort haben können.

Verlockungen standhalten

Kleinen Kindern bereitet es Mühe, auf etwas zu warten. Mit zunehmendem Alter und der nötigen Übung gelingt es ihnen jedoch immer besser, einen Wunsch oder eine Anschaffung aufzuschieben. Doch selbst den Erwachsenen fällt es manchmal schwer, dem Impuls des «Jetzt-haben-Wollens» zu widerstehen. Schöne und positive Dinge üben eine grosse Anziehungskraft aus, der wir uns manchmal nur schwer entziehen können. Die Werbung suggeriert uns, dass wir bei einem Schnäppchen sogleich zugreifen sollen, weil beispielsweise nur noch wenige Exemplare verfügbar sind. Ein Appell, der sich auf unser Kaufverhalten auswirkt. Wer jetzt nicht zuschlägt, verpasst etwas oder gehört nicht dazu. Bei Jugendlichen, welche sich in ihrer Clique oft über Konsumgüter definieren, kann dies Stress verursachen.

Aber Wartenkönnen ist wichtig, denn nicht nur Konsumgüter, sondern auch Bildung, Erfolg oder Ersparnisse sind selten sofort erhältlich. Vieles braucht Geduld. Um den täglichen Verlockungen eher widerstehen zu können, helfen ein gesundes Selbstwertgefühl und die Fähigkeit zur Selbstkontrolle.

Wie können Kinder das Warten lernen?

Mit dem berühmt gewordenen «Marshmallow-Test» untersuchte der Psychologe Walter Mischel vor rund fünfzig Jahren, wie vierjährige Kinder mit Versuchungen umgehen. Jedes Kind durfte wählen, ob es ein Marshmallow gleich essen oder warten wolle, bis die erwachsene Person zurück sei und es als Belohnung zwei Marshmallows erhalte. Durch einen Einwegspiegel wurde beobachtet, wie die Kinder sich die Wartezeit von ca. 15 Minuten vertrieben. Kinder, die warten konnten, lenkten sich ab und entwickelten unterschiedliche Strategien: wegschauen, das Marshmallow aus dem Blickfeld verschwinden lassen, den Teller wegschieben oder Grimassen machen. Bei einem Versuch wurde den Kindern gesagt, sie sollten sich das Marshmallow als Bild vorstellen. Sogleich konnten die Kinder länger warten, denn Bilder kann man bekanntlich nicht essen. Auch andere fantasievolle Strategien und lustige Gedanken halfen, die Wartezeit besser auszuhalten.

Tipp für Eltern: Geduld üben und verzichten lernen

Die Fähigkeit, den Impuls des «Jetzt-haben-Wollens» überbrücken zu können, wirkt sich nicht bloss auf unser Konsumverhalten und auf Impulskäufe aus, sondern macht sich auch beim Lernen, Arbeiten oder Fokussieren bemerkbar. Mit Hilfe von Erwachsenen können sich Kinder solche Strategien aneignen, damit es ihnen leichterfällt, sich in Geduld zu üben und verzichten zu lernen. Dazu braucht es Übungsfelder und eine gewisse Standhaftigkeit der Erwachsenen, denn nur wenn nicht jede Bitte und jeder Wunsch sogleich erfüllt werden, können sich Kinder im Warten üben. Unabhängig davon, ob es sich um einen materiellen oder einen immateriellen Wunsch handelt.

Daniel Betschart

Daniel Betschart

Daniel Betschart ist studierter Soziokultureller Animator. Bei Pro Juventute verantwortet er den Bereich Schuldenprävention und Konsum. Zuvor war er sieben Jahre als Jugendarbeiter in der Stadt Zürich tätig. Er ist selbst Vater zweier Kinder.

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