Kind schaut nachdenklich zum Fenster hinaus

Was kann ich tun, wenn das Kind von Ängsten überrollt wird?

Kinder mit psychischen Problemen zu begleiten, verlangt Fingerspitzengefühl, Empathie und Geduld. Wichtig ist, dass Eltern, Freundinnen, Freunde und Lehrpersonen achtsam sind, Hilfe anbieten oder selber Unterstützung holen. Damit genügend Angebote geschaffen werden, muss das Thema psychische Krankheit auch auf politischer Ebene Gehör finden.

Von klein auf war Lisa ein eher ängstliches Kind. Neue Situationen bereiteten ihr seit jeher Mühe. Von den Eltern musste die Zeit in der Spielgruppe und der Kindergartenbeginn behutsam begleitet werden. Auch der Eintritt in die Schule verlief nicht ganz problemlos. Zum Glück waren die Lehrpersonen stets verständnisvoll und geduldig. Inzwischen hat sich vieles eingependelt. Lisa ist eine fleissige, zuverlässige und pflichtbewusste Schülerin. Zu Hause erledigt sie ihre Aufgaben selbstständig und ohne, dass man sie daran erinnern muss. Weil Lisa sehr verlässlich ist, gibt es kaum Anlass zu Auseinandersetzungen. Zum Lernen muss man sie nie ermahnen, eher dazu, auch mal mit einem nicht ganz perfekten Ergebnis zufrieden zu sein. In ihrer Freizeit ist das zwölfjährige Mädchen gerne mit Freundinnen zusammen. In einem vertrauten Umfeld wirkt sie fröhlich und ausgeglichen.

Lustlos und antriebslos

Wegen einer starken Grippe fehlt Lisa einige Zeit in der Schule. Auch als es ihr besser geht, hat sie Mühe, wieder auf Touren zu kommen. Auf einmal wirkt sie lustlos und antriebslos. Die Eltern versuchen sie aufzupäppeln, doch anstatt, dass sich die Situation verbessert, geht es Lisa zunehmend schlechter. Sie mag nicht essen, ist ständig müde und wird mehr und mehr zu einem Schatten ihrer selbst. Besorgt suchen die Eltern den Hausarzt auf, um ihre Tochter gründlich untersuchen zu lassen. Obwohl die Eltern erleichtert sind, dass nichts auf eine Krankheit hindeutet, sind sie ratlos.

Verschlossen und in sich gekehrt

In Gesprächen versuchen die Eltern herauszufinden, was ihre Tochter plagt. Doch alle Versuche verlaufen im Sand. Lisa weiss selber nicht, was mit ihr los ist. Häufig weint sie ohne ersichtlichen Grund und immer öfter klagt sie über Bauchschmerzen und Übelkeit. Nachts liegt sie wach im Bett und morgens mag sie kaum aufstehen. Auch der Klassenlehrer kann sich nicht erklären, was das Problem sein könnte. Das Mädchen verschliesst sich und kapselt sich von der Familie ab. Weder die ältere Schwester, noch der kleine Bruder kommen an sie heran und auch die Freundinnen blitzen ab. Nur bei der Katze lässt Lisa noch Nähe zu.

Ursachen ergründen

Für die Eltern wird es zunehmend schwieriger ihre Tochter morgens zum Aufstehen zu motivieren. Als Lisa sich weigert, in die Schule zu gehen, sind die Eltern höchst alarmiert. In einem Gespräch mit dem Klassenlehrer versuchen sie zu ergründen, was die Ursache für dieses Verhalten sein könnte. Die Schulsozialarbeiterin wird ebenfalls eingeschaltet. Zu Hause und in der Schule zeigt sich immer deutlicher, wie Lisas Selbstzweifel stärker werden. Sie sorgt sich, weil sie zu lange gefehlt hat und glaubt, ernsthaft krank zu sein. Zudem befürchtet sie, zu viel verpasst zu haben und trotz guter Noten, bereitet ihr der Wechsel in die Oberstufe Angst.

Nach Lösungen suchen

Um Lisas Ängsten zu begegnen, wenden sich die Eltern an den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst. Zum Glück erhalten sie schnell einen Termin. Nach anfänglicher Skepsis fasst das Mädchen Vertrauen zur Psychologin. Nach und nach gelingt es Lisa, ihre Ängste und Sorgen in Worte zu fassen und aktiv anzugehen. Entspannungsmethoden helfen ihr zur Ruhe zu kommen und die Eltern lernen, wie sie ihre Tochter noch besser unterstützen und stärken können. Obwohl Lisas Selbstvertrauen immer noch auf wackeligen Füssen steht, beginnt sie wieder mehr an sich selbst zu glauben.

Massnahmen für rasche Hilfe

Nicht immer kann Kindern so schnell geholfen werden. Ursachen zu finden kann schwierig und langwierig sein. Tatsächlich sind lange Wartezeiten und zu wenig Anlaufstellen für betroffene Kinder und ihre Familien ein grosses Problem. Zum Glück gibt es niederschwellige Angebote, wie die Beratung & Hilfe 147 und die Pro Juventute Elternberatung, die rund um die Uhr helfen. Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, dass Fachstellen lange Wartezeiten haben. Oftmals dauert es zu lange, bis Kinder professionelle Hilfe erhalten. Um die Situation für betroffene Kinder und Familien zu verbessern, müsste das Stigma, das psychischen Erkrankungen leider immer noch anhaftet, endgültig fallen. Zudem braucht es mehr unterstützende Massnahmen, die rasch zur Verfügung stehen. Damit neue Angebote geschaffen werden, muss das Thema psychische Krankheit auch auf politischer Ebene Gehör finden.

Unterstützen und begleiten

Aufgabe der Eltern ist es, ihr Kind zu begleiten und ihm die entsprechende Hilfe zukommen zu lassen. Auch gilt es herauszufinden, was das Kind bedrückt und was zu tun ist. Manchmal genügt es, das Kind zu ermuntern und in seinem Selbstwertgefühl zu stärken, doch manchmal braucht es Hilfe von aussen. Im Umgang mit psychischen Belastungen ist es oftmals besser, nicht lange tatenlos zuzusehen, sondern zu reagieren und falls nötig, Fachleute beizuziehen. Wichtig ist, dass Eltern sich rechtzeitig Unterstützung holen und sich auf diese Weise auch selber entlasten.

Tipps für Eltern

  • Seien Sie aufmerksam, signalisieren Sie Gesprächsbereitschaft und nehmen Sie die Stimmungen Ihres Kindes wahr.
  • Suchen Sie in einem ruhigen Moment das Gespräch, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind bedrückt ist, sich verschliesst und zurückzieht.
  • Geben Sie Ihrem Kind zu verstehen, dass sie da sind, damit es sich nicht alleingelassen fühlt.
  • Versuchen Sie herauszufinden, was Ihr Kind belastet und zeigen Sie ihm, dass Sie seine Sorgen ernstnehmen.
  • Fokussieren Sie sich auf positive Momente mit Ihrem Sohn, Ihrer Tochter, ohne die Ängste und Probleme Ihres Kindes zu schmälern.
  • Zögern Sie nicht, Hilfe zu holen, wenn Sie sich um die psychische Gesundheit Ihres Kindes sorgen. Womöglich fällt es Ihrem Kind leichter, sich Aussenstehenden anzuvertrauen.

Susan Edthofer

Susan Edthofer

Susan Edthofer ist Pädagogin und Texterin. Früher war sie als Redaktorin für die Fachzeitschrift «4 bis 8» tätig. Seit 2011 arbeitet sie als Redaktorin für die Pro Juventute Elternbriefe und verfasst regelmässig Beiträge zu Erziehungsthemen.

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