Eine Insel fordert Eltern heraus: Fortnite

Auf einer kleinen Insel sammeln Leute Ressourcen und Waffen, bauen Unterstände und verstecken sich, um zu überleben – ein ziemlich simpler Plot, der nicht zuletzt bei «The Hunger Games» immer wieder Stoff für grosse Geschichten geboten hat. So auch für das Computerspiel Fortnite, das die letzten Monate für ziemlichen Wirbel an Schulen, in Familien und in Jugendzentren gesorgt hat.

Jedoch nicht nur dort: Die Hersteller haben ein schon länger bekanntes Geschäftsmodell perfektioniert und mit einem Spiel, das sich kostenlos herunterladen lässt, bereits über 1 Milliarde US-Dollar Umsatz generiert. Das Spiel ist so beliebt, dass sich weltweit bis zu 3,4 Millionen Spielende gleichzeitig (!) auf den Servern tummeln. Die Zahlen sind gigantisch!

Fortnite ist bereits Kult

Der Online-Shooter ist gemäss der James-Studie 2018 das beliebteste Game bei Schweizer Jugendlichen. Sowohl von PEGI und USK wird die Altersfreigabe für Fortnite bei 12 Jahren eingestuft. Das bezieht sich jedoch nur auf den kostenpflichtigen Spielmodus «Save the World». Der nachfolgend beschriebene Spielmodus «Battle Royale» wird nicht geprüft, weil er ausschliesslich online verfügbar ist. Grund für die eher tiefe Altersfreigabe ist, dass die Ästhetik eher comicmässig denn realitätsnah ist und sich die Gewaltdarstellung im Rahmen hält (kein Blut, keine Leichen). Die pädagogische Freigabe-Einschätzung des Spieleratgebers NRW liegt bei 14 Jahren. Fortnite ist mit allen digitalen Geräten kompatibel, die bespielbar sind (Handys, Konsolen, PCs). So hat es bald Zugang zu vielen Kinderzimmern gefunden und ist schnell Thema auf verschiedenen Pausenhöfen geworden. Gleichzeitig fragen sich Eltern, Sozialarbeitende und Lehrpersonen, was es mit diesem Game auf sich hat, dass es sowohl bei Kindern als auch bei Jugendlichen derart beliebt ist und sie in den Bann zieht.

Oft reichen heute eine tolle Grafik und kostenfreies Spielen nicht mehr, um eine grosse Fangemeinde zu erreichen und viel Geld zu verdienen. Erst wenn die Spielanlage dazu motiviert, dranzubleiben, wenn das Spiel selbst Gestaltungsmöglichkeiten bietet und wenn popkulturelle Phänomene wie beispielsweise Tanzbewegungen aus aktuellen Musikvideos den Weg über das Spiel auf den Pausenplatz finden, ist dem Spiel breite Aufmerksamkeit sicher. Da Fortnite praktisch all diese Eigenschaften aufweist, hat es bei jüngeren GamerInnen relativ rasch Kultstatus erreicht und findet seinen Platz in unzähligen Instagram- und Snapchat-Timelines, Youtube-Videos und Streamingportalen.

Sammeln, bauen, verstecken, kämpfen …

Fortnite ist zugleich simpel und komplex. Die Regeln sind einfach zu verstehen, aber insbesondere im vielgespielten Modus «Battle Royale» benötigt man eine ausgefeilte Strategie. Ansonsten kann man als eine/r von 100 Teilnehmenden nicht allzu lange auf der Insel bestehen. Ziel ist es, auf einem immer enger werdenden Feld als Letzte/r zu überleben. Zu diesem Zweck kann man sich mit abgebauten Ressourcen Verstecke bauen, und natürlich muss man seine Gegner eliminieren. Die Überlebenschancen sind also in jeder Runde eher gering. Fortnite-SpielerInnen üben sich so einerseits im Umgang mit Niederlagen, brauchen dazu andererseits aber sicher auch eine gute Portion Stressresistenz.

Die Story ist zwar ziemlich simpel, Fortnite ist aber trotzdem kein oberflächliches Ballerspiel. Vielmehr findet die junge Generation im Spiel viele Komponenten, welche in ihrer Lebenswelt und in ihrer aktuellen Entwicklung gerade aktuell sind: Für sie ist es wichtig, sich ohne Erwachsenenaufsicht untereinander treffen und austauschen zu können. Sie möchten spannende Geschichten hören und grosse Abenteuer erleben. Sie möchten Welten entdecken und gestalten. Gleichzeitig wollen sie ausprobieren, wie es ist, jemand anderer zu sein. Das kann beispielsweise ein gefährlicher Pirat, ein fantastisches Wesen oder gar ein Vertreter des anderen Geschlechts sein. Und natürlich will man sich mit anderen messen: herausfinden, wer schneller und geschickter, schlicht besser ist.

Selbst wenn man all diese Dinge auch in einem anderen, analogen Kontext erleben kann, scheint die Möglichkeit, dies digital zu tun, einen gewissen Vorteil zu haben. Insbesondere scheue Kinder und Jugendliche trauen sich in einer digitalen Welt eher, Neues auszuprobieren und sich anderweitig zu verwirklichen.

Die Zeit zerrinnt …

So ist man auf einer paradiesischen Insel am Sammeln, Bauen, Verstecken, Kämpfen und die Zeit zerrinnt. Und zerrinnt. Rasch ist eine halbe Stunde (ein Spiel dauert in der Regel um die 20 Minuten), bald eine Stunde und schnell einmal ein ganzer Nachmittag vorbei.

Ja, Fortnite ist ein Zeitfresser! Noch mehr als andere Computerspiele oder Apps. Insbesondere für Eltern ist dies eine Herausforderung. Es lohnt sich daher, mit Kindern und Jugendlichen Spielzeiten und/oder Spieltage zu vereinbaren. Idealerweise lässt man die Kinder und die Jugendlichen mitentscheiden, so fällt es ihnen einfacher, Regeln einzuhalten. Fixe Bildschirmzeiten nach Alter festzulegen erscheint trotz vieler Richtwerte im Netz oft nicht zielführend. Gerade bei Fortnite nicht, da ein Spiel aus einer Runde besteht. Da macht es mehr Sinn, die Dauer in Runden zu definieren, statt in Minuten zu rechnen. Denn ein Spiel mittendrin abbrechen zu müssen sorgt oft nur für noch mehr Frust. Da Kinder und Jugendliche unterschiedlich auf Bildschirmmedien reagieren, sollten Eltern eigene Rahmenbedingungen mit ihren Kindern aushandeln. Anhaltspunkte zur Bildschirmzeit gibt es auf jugendundmedien.ch.

Gewaltverherrlichung?

Der Gewaltaspekt ist im Zusammenhang mit Fortnite sicher insofern ein Thema, als die Waffen Ähnlichkeit mit ihren realen Vorbildern aufweisen und es das übergeordnete Ziel ist, als Letzter auf der Insel zu verbleiben, indem man auf andere schiesst und sie so von der Insel «beamt». Die Gewalt wird aber nicht explizit dargestellt und ist daher ähnlich jener in Trickfilmen, die sonntagmorgens im Fernsehen gezeigt werden. Auch dort wird gekämpft und geschossen. Natürlich mit dem Unterschied, dass man beim Game selber ins Geschehen eingreift. Dieses «Geschehen» lässt sich durchaus mit dem gegenseitigen Abschiessen in einem Völkerballspiel in der Turnhalle vergleichen.

Ein weiterer Nachteil beziehungsweise eine weitere Gefahr lauert in der Möglichkeit, In-Game-Käufe zu tätigen. Mit dieser Funktion verdienen die Entwickler von Fortnite Geld. So kann man für seinen Avatar Tanz-Moves oder sogenannte Skins, also das Aussehen der Figur oder der Waffen, kaufen. Diese Funktionen sind für das Spielerlebnis jedoch unerheblich. Allerdings sind die angebotenen Produkte genau für Kinder und Jugendliche interessant. Denn mit verändertem Aussehen der Spielfigur lässt sich durchaus Aufmerksamkeit im Netz und auf dem Pausenplatz erregen, was andere SpielerInnen wiederum unter Druck setzen kann. So sind schnell einmal 100 Franken in die Spielwährung V-Bucks investiert. Es empfiehlt sich also, Bezahlmöglichkeiten ohne elterliche Kontrolle auf Handys, Tablets und anderen Geräten zu sperren beziehungsweise die In-App-Funktion zu deaktivieren.

Um nachzuempfinden, wie das Spiel auf einen wirkt, ist es wichtig, selbst einmal bei einem Spiel zuzuschauen und es sich erklären zu lassen. Kinder und Jugendliche lieben es, einem Erwachsenen etwas zu erklären, von dem er kaum eine Ahnung hat. Idealerweise spielen Sie gleich selbst mal mit! Oft relativieren sich daraufhin einige Bedenken und vielleicht weckt dies sogar bei Ihnen selbst den Spass am Spielen!
Und falls man findet: «Nun ist genug gespielt!», ist es wichtig, nicht nur Einschränkungen, sondern auch attraktive (Offline-)Alternativen zu bieten. Man darf einem Kind oder einem Jugendlichen ruhig auch mal zu verstehen geben, dass Langeweile kein lebensbedrohlicher Zustand ist.

Wie weiter?

Dank dem Aufgreifen aktueller Trends geniesst Fortnite einen hohen popkulturellen Status. Die Macher verstehen es, auf der Erfolgswelle zu reiten und die SpielerInnen bei Laune zu halten. Die Neuerung «Kreativmodus» könnte einen noch stärkeren Popularitätsschub für das Spiel bedeuten. Seit Dezember kann man selbst Karten (Inseln) sowie Skins erstellen und an den Hersteller Epic Games weitergeben. Dieser entscheidet dann mit der Community, welche veröffentlicht werden. Dies wird wohl eine noch stärkere Anziehung auf junge GamerInnen ausüben.

Tipps für Eltern

  • Reden Sie mit Ihrem Kind über Games, auch über «Fortnite». Fragen Sie beispielsweise, was am Spiel derart fasziniert. Findet es das Spiel wirklich gut oder spielt es einfach, weil es ein Hype ist und von den meisten KollegInnen auch gespielt wird?
  • Spielen darf Spass machen! Damit der Alltag aber nicht darunter leidet, vereinbaren Sie mit Kindern und Jugendlichen Spielzeiten und/oder Spieltage.
  • Spielen Sie selbst einmal mit oder schauen Sie zu, um das Spiel, die Faszination und die Technik dahinter besser verstehen zu können.
  • Bei «Fortnite» gibt es die Möglichkeit, via Chat mit fremden GamerInnen zu kommunizieren. Falls Sie sich beziehungsweise Ihr Kind mit befremdlichen Situationen konfrontiert sehen, schwingen Sie nicht die Moralkeule. Bieten Sie sich vielmehr als AnsprechpartnerIn an. Besprechen Sie Situationen gemeinsam, versuchen Sie, das Geschehene einzuordnen, und sensibilisieren Sie Ihr Kind für den Schutz seiner persönlichen Daten.
  • Deaktivieren Sie vor allem bei Familiengeräten und bei jüngeren Kindern die Bezahlmöglichkeiten, hinterlegte Kreditkarten und die Funktion der In-App-Käufe. Thematisieren Sie mit Kindern und Jugendlichen Kostenfallen bei Games.

Weitere Tipps und Infos zur «Welt der Games» finden Sie hier

Renato Hüppi

Renato Hüppi

Renato Hüppi ist soziokultureller Animator und arbeitet seit mehr als zehn Jahren in der Offenen Jugendarbeit Zürich-Oerlikon. Er begleitet immer wieder Projekte zu digitalen Medien mit Jugendlichen vor Ort und richtet sich unter anderem bei Gameinfo.info auch mit ausgewogenen Infos zu elektronischen Spielen an Erwachsene.

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