Wahlfreiheit kann eine Qual sein

In der Familie mitreden und mitentscheiden ist ein wichtiges Lernfeld für Kinder und ein Recht, das in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten ist. Das Recht auf Mitbestimmung bedeutet jedoch nicht, alles den Kindern zu überlassen. Eltern brauchen Verständnis und Einfühlungsvermögen, um abzuwägen, was sie ihrem Kind zumuten können.

Kleinkinder müssen viel lernen und Eltern begleiten diese Entdeckungsreise ins Leben. Wenn Kinder ausprobieren und Neues erproben, ermuntern Mütter und Väter ihre Tochter, ihren Sohn oder halten ihr Kind falls nötig zurück. Sei es, weil in einer bestimmten Situation zu wenig Zeit bleibt oder um das Kind vor einer Gefahr zu bewahren. Vielleicht ist es jetzt gerade einfach nicht möglich, die Hand des Vaters loszulassen und auf die Strasse zu rennen. In solchen Fällen bringt Argumentieren nichts. Eine Erklärung können Eltern trotzdem abgeben. So merkt das Kind, dass es einen Grund gibt und es nicht einfach ein Nein um des Neins willen ist. Denn aus kleinkindlicher Sicht gibt es tagtäglich einfach so viele Neins. Diese elterliche Reaktion kann Trotz auslösen und Tränen bewirken.

Lust am Entdecken

Für Eltern ist es nicht einfach, damit umzugehen, dass sich ihr strahlender kleiner Abenteurer oder ihre verwegene kleine Entdeckerin durch ein Nein von einem Moment auf den andern in ein Häufchen Elend verwandelt. Nicht verwunderlich, dass sich Eltern immer wieder fragen, was muss ich entscheiden und was kann ich meinem Sohn, meiner Tochter überlassen. Obwohl gut gemeint, passiert es nur zu schnell, dass Eltern ihrem Kind Entscheidungen übergeben, die es überfordern. Manche Eltern haben Angst, sich durch ein Nein unbeliebt zu machen oder überlassen dem Kind die Entscheidung, um einer negativen Reaktion auszuweichen. Doch Entscheidenkönnen ist eine Kompetenz, die sich ein Kind erst erwerben muss. Eltern sollten also stets abwägen, ob das Kind fähig ist, zu wissen, was es will. Und getreu dem Motto «Keine Regel ohne Ausnahme» kann man auch mal nachgeben, wenn man spürt, dass etwas für das Kind bedeutungsvoll ist. Ein Erziehungsgrundsatz lautet: Nicht aus Schwäche nachgeben, sondern bewusst entscheiden und reflektieren, warum das Kind seinen Willen durchsetzen darf.

Entscheiden will gelernt sein

Je jünger ein Kind ist, desto eher ist es überfordert, eine Wahl zu treffen. Entscheidungsmöglichkeiten sollten nicht zu gross sein. Idealerweise lässt man ein Kleinkind vorerst zwischen zwei Dingen wählen und fragt beispielsweise: Magst du lieber eine Banane oder einen Apfel zum Zvieri? Möchtest du die gestreifte Hose oder die getüpfelte Hose anziehen? Soll ich dir eine Geschichte erzählen oder möchtest du lieber eine Geschichte ab CD hören? Mit solchen Fragen gibt man dem Kind die Möglichkeit, eine Wahl zu treffen. Schwieriger wird es, wenn das Kind krank ist, aber unbedingt in die Spielgruppe oder den Kindergarten möchte. In einer solchen Situation ist das Kind noch nicht fähig, abzuschätzen, warum es besser ist, zu Hause zu bleiben. Aufgabe der Eltern ist es, manchmal auch unpopuläre Entscheide zu treffen. Einem kranken Kind muss man erklären, dass es wieder mit andern Kindern spielen darf, sobald es gesund ist. Auch Entscheidungen punkto Anziehen können nicht einfach einem Kleinkind überlassen werden. Womöglich kann es nicht abschätzen, dass es draussen kalt ist und es eine dicke Jacke braucht.

Die Kraft des Wörtchens Nein

Bevor ein Kleinkind selber Nein sagen kann, hat es dieses Wort schon oft gehört. Es versucht sich am Stuhl hochzuziehen oder den Schwanz der Katze zu fangen und schon sagt die Mutter oder der Vater: «Nein, sonst machst du dir weh» oder «Das mag die Katze nicht». Irgendwann kommt der Moment, in dem das Kind selber nein zu sagen beginnt. Vielleicht reagiert es mit einem Nein, wenn es ins Bett soll oder wenn man ihm den Gemüsebrei hinstellt. Doch bedeutet das auch wirklich, dass es nicht müde ist oder den Brei nicht mag? Oder geht es eher darum, dass es das Wort Nein entdeckt hat und merkt, wie Erwachsene darauf reagieren? Gut möglich, dass es sich mit dem Kuscheltier auf den Boden legt oder nach dem Brei verlangt, sobald man ihm den Teller wegnimmt.

Zu viele Optionen beeinträchtigen die Entschlusskraft

Beim Einkaufen verführt eine Unmenge an Süssigkeiten zum Naschen, und in der Spielzeugabteilung sind vielfältige lustige, spannende Spielsachen ausgestellt. Kaum verwunderlich, dass die Auswahl Kinder und vor allem Kleinkinder überfordert. Manchmal sind es gerade die banalen Dinge, bei denen wir uns mit Entscheidungen schwertun. Keinesfalls sollte man die eigene Entscheidungsunlust an das Kind delegieren. Eltern von Kleinkindern merken rasch, dass der Entscheidungsspielraum ihrer Tochter, ihres Sohnes nicht zu gross sein darf.

Mitsprache in der Familie

Das nötige Fingerspitzengefühl hilft Eltern zu erkennen, in welchem Mass sie ihr Kind in Entscheidungsprozesse einbeziehen können. Zugleich müssen Mütter und Väter wissen, dass manchmal auch unpopuläre Entscheide in Form eines Neins dazugehören. Angepasst an die Entwicklung lernt das Kind Schritt für Schritt, seine Meinung kundzutun. Zugleich merkt es, dass man nicht alles haben kann. Um später einmal grundlegende Entscheidungen zu treffen, muss das Kind die Fähigkeit, sich zu äussern von klein auf üben. Die Familie ist ein ideales Übungsfeld für das Erlernen einer sinnvollen Mitsprache. Beispielsweise darf das Kind bei der Programmgestaltung mitbestimmen und wählen, ob es lieber auf dem Bauernhof die jungen Kätzchen anschauen oder im Zoo verschiedene Tiere beobachten möchte. Oder ob es in der Badi umherplanschen oder lieber im Wald über Wurzeln klettern möchte. Zum Auswählen genügen für Kleinkinder oft zwei Optionen.

Kinderrechte in aller Munde

In diesem Jahr ist es dreissig Jahre her, seit die Kinderrechte beschlossen wurden. Nicht nur Institutionen wie Pro Juventute, das Netzwerk Kinderrechte Schweiz und auch Schulen setzen sich für die Rechte unserer Kinder ein. Als Gesellschaft sind wir ebenfalls verpflichtet, die Kinderrechte zu wahren und zu garantieren. Abgestimmt auf den Entwicklungsstand des Kindes sollte man auch als Familie das Recht auf Mitsprache pflegen. Für Eltern heisst das, auch Verantwortung übernehmen und Entscheide für das Kind fällen. Das schliesst nicht aus, dass die Bedürfnisse des Kindes ernst- und wahrgenommen werden. Das Recht angehört zu werden, ist also nicht gleichzusetzen mit alles bestimmen können.

Um Entscheidungskompetenz zu lernen und zu üben, sollten die Kinder liebevoll begleitet werden.

Tipps für Eltern

  • Vor allem jungen Kindern fällt es oft schwer, eine Entscheidung zu treffen. Damit Sie Ihr Kind nicht überfordern, sollten Sie darauf achten, dass die Wahlmöglichkeit nicht zu gross ist. Idealerweise lassen Sie Ihr Kleinkind zwischen zwei Dingen wählen.
  • Achten Sie darauf, dass Sie den Entscheidungsspielraum der kindlichen Entwicklung anpassen. Die Familie ist ein ideales Übungsfeld für das Erlernen einer sinnvollen Mitsprache. Geben Sie Ihrem Kind von klein auf die Möglichkeit, sich zu äussern.
  • Versuchen Sie herauszufinden, wie Sie Ihr Kind in Entscheidungsprozesse einbeziehen können. Seien Sie sich bewusst, dass Sie als Mutter oder Vater manchmal auch unpopuläre Entscheide fällen und Nein sagen müssen.
  • Eine konsequente Erziehung gibt Kindern Sicherheit. Trotzdem können Sie auch mal nachgeben, wenn Sie spüren, dass etwas für Ihr Kind bedeutungsvoll ist. Wichtig ist einfach, dass Sie nicht aus Schwäche nachgeben, sondern bewusst reflektieren, warum Ihr Kind seinen Willen durchsetzen darf.

Susan Edthofer

Susan Edthofer

Susan Edthofer ist Pädagogin und Texterin. Früher war sie als Redaktorin für die Fachzeitschrift «4 bis 8» tätig. Seit 2011 arbeitet sie als Redaktorin für die Pro Juventute Elternbriefe und verfasst regelmässig Beiträge zu Erziehungsthemen.

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