Obwohl es für ein gesundes Aufwachsen notwendig wäre, wird unbeaufsichtigtes Spielen zur Rarität.

Nicht nur in der Schule auch in der Freizeit sind Kinder immer öfter betreut. Öffentliche Räume zum Spielen sind begrenzt und die Angst vor Gefahren wird grösser. Obwohl es für ein gesundes Aufwachsen notwendig wäre, unbeaufsichtigtes Spielen wird zur Rarität. Pro Juventute ist sich dieser Problematik bewusst und sensibilisiert mit Kampagnen, einem Spielfestival, neuen Spielraum-Richtlinien und einem nationalen Programm für die Anliegen der Kinder.

«Hier geht es nicht mehr weiter. Der Weg führt über die Brücke und nicht durch den Wald», ruft Karla ihren Freunden zu. «Wir müssen umkehren.» Umgehend machen die Kinder kehrt. «Hey, Leute, aufgepasst, das ist keine gewöhnliche Brücke, sondern eine Hängebrücke. Es wackelt ziemlich und ihr müsst euch festhalten», warnt Jorin. Zögerlich die einen, wagemutig und unerschrocken die andern, überqueren die Kinder die Brücke. Auf der anderen Seite angekommen, registriert Mirjam mit leicht besorgter Miene wie sich dicke Gewitterwolken zusammenballen. «Beeilt euch, ein Gewitter ist im Anzug. Hoffentlich schaffen wir es noch bis zur Hütte, ohne nass zu werden.» So intensiv und spannend, kann das Zusammensein mit Gleichaltrigen sein. Doch Timo erlebt dieses Abenteuer nicht wirklich, sondern zu Hause am Bildschirm. Noch packender wäre dieser Ausflug, wenn er in der realen Welt stattfinden und sich unter richtigen, anstatt virtuellen Freunden abspielen würde. Primarschulkinder brauchen Angebote, um in der näheren Umgebung ihres Zuhauses herumzutollen, zu spielen und sich auch mal ausser Sichtweite von Erwachsenen aufzuhalten.

Öffentlicher Spielraum wird rar

Für viele Kinder ist das Spielen im Freien aus unterschiedlichen Gründen kaum möglich. Vielleicht ist die Wohnsituation so angelegt, dass es in der näheren Umgebung gar keine Spielmöglichkeiten gibt. Siedlungen und Städte sind nicht in jeder Hinsicht familien- und kinderfreundlich.

Oftmals verbieten Eltern das unbeaufsichtigte Spielen im Freien aus Angst um ihr Kind. Doch für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist es notwendig, auch mal ohne Erwachsene auf Entdeckungsreisen zu gehen. Beim Rennen, Klettern oder Purzelbaum schlagen, werden Ausdauer und Beweglichkeit gefördert; beim Balanceakt über Stämme oder schmale Mauern wird das Gleichgewicht verbessert. Im Spiel lernen Kinder aufeinander einzugehen, sich in einer Gruppe zu organisieren und allfällige Konflikte selber auszutragen. Eltern, die ihren Kindern solche Eigenständigkeiten zugestehen, helfen das Selbstvertrauen zu stärken und die Selbstständigkeit zu fördern. Da nicht alle Kinder das Privileg haben, in einem Haus mit Garten aufzuwachsen und öffentliche Spielorte zunehmend rarer werden, wurde Pro Juventute aktiv. Mit einer nationalen Kampagne «Mehr Platz für Kinder!» macht die Stiftung seit 2015 darauf aufmerksam, dass es auch in der Schweiz immer weniger kinderfreundliche Räume gibt.

Spielen als Ausdrucksmittel

Spielerisch entdeckt das Kind die Welt. Das Spiel ist das Ausdrucksmittel des Kindes und spielen ist für die Entwicklung von zentraler Bedeutung. Unabhängig von Kultur und Herkunft, überall spielen Kinder. Ihr Spieltrieb ist angeboren und funktioniert wie ein Motor, der Entdeckungen und neue Erfahrungen ermöglicht. Die Verantwortung der Erwachsenen besteht darin, dafür zu sorgen, dass Kinder auch spielen dürfen und geeignete Orte finden. Um ins Spiel einzutauchen, braucht das Kind Zeit und Gelegenheit, Dinge auszuprobieren und seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat Pro Juventute als Vision definiert, dass alle Kinder und Jugendliche Zugang zu hochwertigen Spielmöglichkeiten und inspirierenden Spielräumen haben und selbstbestimmt spielen dürfen. In einer Strategie zum Thema Spielraum und Spielkultur sind Massnahmen definiert, die es für ein kinderfreundliches Umfeld braucht.

Die Kinderrechte anwenden

Raum zum Spielen ist nicht bloss eine gutgemeinte, kinderfreundliche Idee, sondern ein grundlegendes Recht, das Kindern laut UN-Kinderrechtskonvention (KRK, Artikel 31) zusteht. Das Recht auf Spiel steht in wechselseitiger Verbindung mit anderen Kinderrechten, wie beispielsweise dem Recht auf Entwicklung, dem Recht auf Bildung, dem Recht auf Gesundheit, dem Recht auf Sicherheit, dem Recht auf Beteiligung. Das bedeutet, Kinderanliegen ernst zu nehmen und Kindern zu ermöglichen, ihre Meinungen kundzutun. Artikel 12 und 13 definieren die Mitbestimmung: Kinder haben das Recht auf eine eigene Meinung. Jedes Kind hat das Recht sich zu äussern, wenn Entscheidungen gefällt werden, die seine Lebensbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten tangieren.

Mit «Visionen für bespielbare Städte» lancierte Pro Juventute am Spielfestival 2018 in Biel einen Austausch zur Rolle des Spiels in Städten. Familien leben vermehrt in urbanen Zentren. Das Spiel einfach auf Spielplätze auszulagern, kann nicht die Lösung sein. Für bessere Lebensqualität sollten Städte mehr integrierte Spiel- und Begegnungsorte zur Verfügung stellen. Eine Stadt wird attraktiver und lebenswerter, sobald es in Innenstädten Angebote gibt, die zum Verweilen einladen und verschiedene Generationen ansprechen. Spielen verbindet und das Spiel sollte nicht bloss den Kindern vorbehalten sein.

Aufrütteln und neue Ideen entwickeln

Das Recht des Kindes auf das Spiel geht Hand in Hand mit dem Recht auf Mitbestimmung. Um die Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen, müssen sie auch mitreden und Wünsche anbringen können. Indem Pro Juventute das Spiel und Spielräume wieder ins Zentrum rückt, schliesst sich ein Bogen. Bereits vor rund achtzig Jahren nahm die Stiftung mit den Robinsonspielplätzen eine Vorreiterrolle ein. Wünschenswert wäre, wenn dem Recht des Kindes auf Freizeit, Spiel und Erholung in Zusammenhang mit dreissig Jahre Kinderrechtskonvention wieder eine grössere Bedeutung beigemessen würde. Mit der Strategie Spielraum und Spielkultur trägt die Stiftung dazu bei, dass das Spiel im Kinderalltag wieder mehr Gewicht bekommt, öffentlich diskutiert und von Entscheidungsträgern nicht negiert wird.

Mit dem Weltspieltag wird jedes Jahr ein Zeichen gesetzt. Am Dienstag, 28. Mai 2019 ist es wieder soweit und das Motto lautet: «Zeit zu(m) Spielen!» Überall soll gespielt werden und der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Auch Pro Juventute ist mit von der Partie und engagiert sich zusammen mit Organisationen wie UNICEF, Stiftung Kinderdorf Pestalozzi beim Projekt «Wir spielen mit».

Was Eltern tun können – vier Tipps

  • Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind von klein auf lernt, seine Bedürfnisse in der Familie, in der Schule kundzutun.
  • Der Alltag der Kinder ist oft durchstrukturiert. Achten Sie darauf, dass Ihr Kind trotz schulischen und anderen Verpflichtungen Zeit hat, auszuspannen und sich zu erholen. Genauso wie Erwachsene haben auch Kinder das Bedürfnisse, ihre Freizeit selber zu gestalten und zwischendurch unbeaufsichtigt mit Gleichaltrigen unterwegs zu sein. Informationen zur Notwendigkeit von Spielraum und Spielkultur gibt es unter projuventute.ch > Programme > Speilraum und Spielkultur.
  • Um das Selbstwertgefühl zu stärken und Selbstvertrauen zu gewinnen, muss das Kind Eigenverantwortung übernehmen. Denken Sie bei der Kindererziehung stets daran, wie wichtig es ist, dass Ihre Tochter, Ihr Sohn selbstständig planen und handeln lernt.
  • Kinderrechte sind nicht nur für die politische Ebene gedacht, sondern spielen auch im Alltag eine Rolle. Auf projuventute.ch > über uns > Kinderrechte finden Sie Angaben zu den wichtigsten Kinderrechten, ein Kinderrechts-Set und ein Kinderrechtsspiel. Alle Unterlagen können Sie kostenlos herunterladen.
Susan Edthofer

Susan Edthofer

Susan Edthofer ist Pädagogin und Texterin. Früher war sie als Redaktorin für die Fachzeitschrift «4 bis 8» tätig. Seit 2011 arbeitet sie als Redaktorin für die Pro Juventute Elternbriefe und verfasst regelmässig Beiträge zu Erziehungsthemen.

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