Spielräume sind bedeutend - Spielfestival Pro Juventute

«Frei- und Spielräume für Kinder sind bedeutsam für die gesamte Gesellschaft»

Das Pro Juventute Spielfestival 2018 soll die Entwicklung von bespielbaren Städten unterstützen und dazu beitragen, dass die Diskussion über die Rolle des Spiels in Stadtentwicklungs- prozessen vertieft wird. Projektleiterin Petra Stocker im Interview.

Pro Juventute organisiert am 25. und 26. Mai ein Spielfestival in Biel. Was kann man sich darunter vorstellen?

Eigentlich sind es zwei Anlässe in einem. Wir veranstalten eine Konferenz zum Thema „Bespielbare Städte“. Hier diskutieren Expertinnen und Experten aus Architektur, Raumplanung, Landschaftsarchitektur, Sozialer Arbeit, Spielraumgestaltung und Kunst und Design über das Potential des Spiels auf den Lebensraum Stadt und andererseits über die Gestaltung, Nutzung und Bedeutung von Spielräumen für eine Stadt. Die Konferenz bietet mehr als 30 Vertiefungsthemen und Praxisbeispiele wie zum Beispiel Spiel- und Lebensräume planen, Spiel als Katalysator für Quartierentwicklungsprozesse, Architektur und spielerische Baustellen, Spielerischer Zugang zu kreativen Technologien im öffentlichen Raum etc. – und ist auf Deutsch, Englisch und Französisch. Wir freuen uns darauf, den Fachdiskurs und den Austausch zum Thema Bespielbare Stadt über die Sprachregionen hinaus zu fördern.

Und natürlich spielen wir auch. Am 26. Mai ist schliesslich der Weltspieltag. Auf der Esplanade in Biel schaffen wir parallel zur Konferenz einen nach unseren Vorstellungen idealen Spielraum: ein spannender, gestalt- und veränderbaren Ort, einen Robinson- oder Abenteuerspielplatz der Zukunft, oder eben: eine „Bespielbare Stadt“.

Wieso braucht es ein Spielfestival?

Es gibt verschiedene Tendenzen, welche das Spiel und Spielräume aus den Städten verdrängen. Aus Studien wissen wir, dass Kinder in der Schweiz heute nur noch 29 Minuten pro Tag selbstständig und ohne Aufsicht draussen spielen. Unter anderem hat dies mit der Abnahme von Freiräumen zu tun. Die Gestaltung der verbleibenden Freiräume wird als Thema zunehmend wichtig. Sie werden von vielen unter-schiedlichen Interessen und Nutzungen beansprucht. Das Recht auf Spiel der Kinder darf dabei nicht hinten anstehen – im Gegenteil! Wir möchten das Spiel aus der Nische des Spielplatzes herausnehmen und es ins Zentrum stellen, die Stadt bespielbar machen. Denn Spielen ist nicht nur ein Grundstein für die kindliche Entwicklung. An Orten, wo Spielen möglich ist, ist auch Begegnung, Bewegung und Naherholung möglich – auch im urbansten Umfeld. Orte wo Kinder sich frei bewegen und diese prägen und verändern können, wirken insgesamt positiv auf eine Stadt. Zudem hat das Spiel viel Potential um Veränderungsprozesse in Gang zu bringen, so dass sich Räume von Unorten in attraktive Orten verwandeln können. Das ist als Thema in unserer Gesellschaft und im aktuellen Fachdiskurs viel zu wenig präsent und das möchten wir mit dem Spielfestival ändern.

Ist dieses Thema für Pro Juventute neu?

Nein. Das Engagement für das Thema Spiel und Spielräume der Pro Juventute hat vor etwa 80 Jahren angefangen. Der Erfolg der Robinsonspielplätze in der Schweiz ist dem Engagement von Pro Juventute zu verdanken. Mit dem Hintergrund, das freie Spiel zu fördern, wurden auch „normale“ Spielplätze gestaltet. Dieses Know-how hat Pro Juventute bis 2005 sogar mit einer Spielplatzberatung vermittelt. Auch die Gemeinschaftszentren in der Region Zürich wurden ursprünglich von Pro Juventute ins Leben gerufen. Die Gemeinschaftszentren, die teilweise als Robinsonspielplätze entstanden sind, sind gute Beispiele von Spielräumen, die zu Orten der Begegnung für das Quartier geworden sind. Und diese Idee der bespielbaren Stadt als Begegnungsraum nimmt die Spielkonferenz auf. Frei- und Spielräume für Kinder sind bedeutsam für die gesamte Gesellschaft.

Diese Tradition möchte Pro Juventute wiederbeleben?

Ja. Die Voraussetzungen sind heute allerdings ganz anders als vor 40 Jahren. Es gibt viel weniger Freiräume und immer mehr Menschen in den Städten. Entsprechend dem Trend der zunehmenden Urbanisierung, werden Städte die zentralsten Orte sein, wo die nächsten Kindergenerationen aufwachsen wer-den. Pro Juventute setzt sich dafür ein, dass in dieser Entwicklung das Recht der Kinder auf Spiel nicht vergessen geht. Um sich für die Zukunft zu rüsten, müssen sich Städte kinder- und spielfreundlich gestalten und mitgestalten lassen. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen einer spielfreundlichen Gestaltung urbaner Räume und den Zielen der Städte, eine aktive, gesunde und nachhaltige Gemeinschaft zu unterstützen. Eine Stadt, in der Kinder selbständig spielen und sich bewegen können, ist auch ein Ort, wo sich ältere Menschen sicher fühlen. Eine Stadt, in der Kinder frei spielen können – auch jenseits des Spielplatzes – ist ein Ort der Lebensqualität für alle Altersgruppen.

Welchen Einfluss will dabei die Spielkonferenz beanspruchen?

Die Nutzung von Freiräumen und Spielräumen in unseren Städten und die bewusste fachübergreifende Auseinandersetzung damit, ist ein wichtiges Thema. Auch das Verständnis über die Bedeutung des Spiels muss debattiert werden. Schlussendlich geht es um die Frage, wie das Zusammenleben in unseren Städten gestaltet werden soll und ob das Spiel als Methode eine wirkliche Veränderung herbeiführen könnte. Die Spielkonferenz bringt hierfür Akteure aus verschiedenen Disziplinen zusammen. Zum Beispiel Fachleute aus der Soziokultur, der Architektur und der Raum- und Stadtplanung. Sie können viel voneinander lernen. Architekten und Stadtplanerinnen können vom Wissen der offenen Arbeit mit Kindern profitieren, wenn es um die Gestaltung von Mitwirkungsprozessen geht. Umgekehrt sollten zum Beispiel Fachleute der Soziokultur in der Lage sein, Raumplanungsprozesse zu begleiten.

Und was braucht es konkret, damit Städte wieder spielfreundlicher werden?

Die Bedürfnisse von Kindern sollen fest in die Raumplanungsprozesse integriert sein. Das ist heute nicht der Fall. Und es braucht den Mut zur Lücke. Weniger Rigidität in der Planung und Gestaltung von Flächen, damit diese gestaltbar bleiben und vielfältige Nutzungen zulassen. Kinder müssen Sachen verän-dern und im Spiel integrieren können. Dafür braucht es auch loses Material, nicht nur Spielgeräte mit einseitigen Nutzungsmöglichkeiten. Das hat positive Effekte auf das gesamte Zusammenleben in einem Quartier und einer Stadt. Und das wird zunehmend wichtig, denn die Lebensqualität der städtischen Bevölkerung, insbesondere der Kinder, wird unsere Zukunft bestimmen.

Pro Juventute Spielfestival 2018 – Spielkonferenz «Bespielbare Städte» & Spielaktion

Experten und Expertinnen diskutieren über das Spiel als Werkzeug, um an der Ausgestaltung der Stadtkultur mitzuwirken und über Gestaltung, Nutzung und Bedeutung von Spielräumen für eine Stadt. Durch den Austausch zwischen Raumbespielenden aus den Disziplinen Urban Design, Archi-tektur, Landschaftsarchitektur, Raumplanung, Soziale Arbeit, Kunst und Design sollen die unter-schiedlichen Perspektiven und Erfahrungen zugänglich gemacht werden.

Die Spielkonferenz verbindet fachliche Inputs und Referate mit konkreten Spielaktivitäten und Work-shops, die eine spielerische Atmosphäre schaffen und das Thema «Bespielbare Städte» im städti-schen Raum konkretisieren.

Termin:
25. Mai 2018 und 26. Mai 2018

Tagungsort:
Biel/Bienne Kongresshaus

Weitere Informationen auf www.projuventute.ch