Punkto Familienpolitik ist die Schweiz ein Entwicklungsland

Im Vergleich zu anderen Ländern hinkt die Schweiz bei der Familienpolitik ziemlich hinten nach. Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, braucht es entsprechende Rahmenbedingungen. Seit Jahren setzt sich auch Pro Juventute für die Anliegen von Familien ein. Ein Appell an die Politik und die Wirtschaft, die Situation für berufstätige Eltern zu vereinfachen.

Die Schweiz schreibt sich gerne Fortschriftlichkeit auf die Fahne. Entwicklungen werden vorangetrieben. Nicht stehenbleiben, lautet eine Devise. Wirtschaftlich möchte die Schweiz federführend sein, zur Elite gehören und Innovationen lancieren. Dass die Strategie aufgeht, zeigen wirtschaftliche Erfolge. Und wegen ihrer Neutralität wird die Schweiz auch auf dem politischen Parkett oft als Vermittlerin eingesetzt. Also alles perfekt, oder gibt es hinter dieser schillernden Fassade auch Schwachstellen?

Elternzeit definieren

Vorstösse in Richtung mehr Zeit für Eltern stossen in der Schweiz meist auf Widerstand. Wie beispielsweise der Urlaub für Väter, der einen schweren Stand hat. In Bezug auf die Familienpolitik und im Vergleich zu anderen Ländern ist die Schweiz ein Entwicklungsland. Neben dem Mutterschaftsurlaub gibt es weder einen gesetzlich geregelten Vaterschaftsurlaub noch eine gesetzlich geregelte Elternzeit. Viele Länder hingegen gewähren inzwischen eine Elternzeit von mindestens 43 Wochen. Es besteht also Entwicklungspotenzial. Berufstätige Frauen gelten als wichtige Arbeitskräfte, doch die Arbeitsbedingungen sind nicht übermässig familienfreundlich. Auch wenn flexible Arbeitszeiten möglich sind, es braucht Zeit, die Kinder in die Krippe zu bringen und abzuholen. Nicht unerheblich sind zudem die Kosten, welche die Eltern zum grössten Teil selber bestreiten müssen. Und immer noch spüren junge Frauen, dass die Karriereplanung stagniert, sobald Familiengründung für Arbeitgeber eine Option darstellt.

Die Familie im Wandel

Kindererziehung und Haushalt werden nicht länger als reine Frauendomäne betrachtet. Obwohl erst eine Minderheit der Paare die Aufgaben gleichwertig aufteilt oder die Rollen tauscht, hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Die Väter von heute möchten miterleben, wie ihre Kinder gross werden, in der Erziehung prägend wirken und Zeit mit ihren Kindern verbringen. Dass viele Frauen auch als Mütter berufstätig bleiben, ist inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden.

Solche Veränderungen verlangen nach anderen Rollenverteilungen, ermöglichen mehr Wahlfreiheit und lassen Raum für neue Modelle.

Familienmodelle nicht werten

Lange fehlte das Privileg, dass Frau wählen konnte. Früher mussten Frauen mit Kindern zu Hause bleiben, heute können Mütter – falls es die finanzielle Lage zulässt – selber entscheiden, ob sie Familie und Beruf verbinden und wie viel sie arbeiten möchten. Es ist noch gar allzu lange her, dass berufstätige Frauen sich rechtfertigen mussten und als Rabenmütter abgestempelt wurden. Nun müssen sich eher die Familienfrauen erklären, weshalb sie «nur» zu Hause bleiben und nicht einen Beruf ausüben möchten. Doch Wertschätzung sollte nicht bloss Berufsarbeit sondern auch Familienarbeit erhalten.

Wenig Familienzeit für Männer

In vielen Familien sind beide Elternteile berufstätig und für die Kindererziehung und den Haushalt besorgt. Ganz ausgewogen, ist die Aufteilung allerdings noch nicht. Nach wie vor trägt eine grosse Anzahl Männer die Hauptverantwortung für das Einkommen. Das bedingt, dass die Familienzeit immer noch relativ bescheiden ausfällt. Zwar reduzieren viele Männer ihre Arbeit auf 80 Prozent, um einen Familientag einzuschalten, doch mehr scheint in vielen Firmen oder Positionen nicht möglich zu sein.

 Erziehungsarbeit sollte keinen Karriereknick bewirken

Die Arbeitswelt hat erkannt, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein wichtiges Thema ist, doch das Wissen allein löst noch keine radikalen Veränderungen aus. Wichtig ist, dass die Angst vor einem möglichen Karriereknick, Vorstösse nicht bereits im Vorfeld stoppt. Nur wenn Männer mutig väterliche Rechte einfordern, wird sich langfristig zugunsten der Familie etwas ändern. Harmonieren Beruf und Familienalltag besser, wirkt sich das positiv auf die berufstätigen Männer und Frauen aus. Im Endeffekt profitiert also auch die Arbeitswelt.

Politisches Engagement für Familien

Kinder lassen sich nicht wie ein Meeting in eine Agenda einplanen. Ihre Bedürfnisse sind unterschiedlich, sie haben eigene Rhythmen, werden krank, obwohl die Arbeitsberge sich türmen und bringen den wohlstrukturierten Zeitplan immer mal wieder durcheinander. Im Umgang mit Kindern ist Flexibilität gefragt und zwar nicht bloss von Müttern und Vätern, sondern auch von Arbeitgebenden. Auf der politischen Agenda ist das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie zwar gesetzt, doch in der Realität sind längst nicht alle brennenden Themen gelöst. Das Bewusstsein, dass die Rahmenbedingungen für berufstätige Eltern verbessert werden sollten, bedeutet noch nicht, dass sich der Arbeitsalltag für Mütter und Väter markant verändert hat. Um den Ansprüchen einer familienfreundlichen Gesellschaft zu genügen, gibt es noch einiges zu tun.

Wahlfreiheit für jede Familie

Es geht nicht darum, ein Familienmodell zu propagieren, sondern um die Möglichkeit, individuell zu entscheiden wie man sich punkto Beruf und Familie organisieren möchte. Jede Familie ist anders, jedes Elternpaar hat andere Bedürfnisse und andere Vorstellungen, wie der Familienalltag aussehen soll. Damit jede Familie frei wählen kann, müssen entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden. Politik und Arbeitgeber sind also in der Pflicht dafür zu sorgen, dass es flexible und familienfreundliche Arbeitszeiten gibt und die Betreuungsfrage nicht nur Sache der Eltern ist. Eltern sollten die Gewissheit haben, dass genügend und erschwingliche Betreuungsplätze zur Verfügung stehen. In ihrer täglichen Arbeit engagiert sich Pro Juventute für familienfreundliche Bedingungen und eine familienfreundliche Schweiz.

Was Eltern tun können – vier Tipps

  • Damit die Schweiz auch in Bezug auf Elternzeit und Väterurlaub als fortschrittlich gilt, braucht es politische Vorstösse und Hartnäckigkeit. Wichtig ist, dass sich auch Familien aktiv und engagiert für ihre Anliegen einsetzen.
  • Viele Eltern sind heute in der privilegierten Lage und können wählen, wie sie Beruf und Familie verbinden möchten. Wichtig ist, sich als Paar zu überlegen, was für die eigene Familie passt und wie die Rollen verteilt werden sollen. Unabhängig vom persönlichen Entscheid, die verschiedenen Familienmodelle sollten nicht gewertet und nicht gegeneinander ausspielt werden.
  • Obwohl ein Grossteil der Frauen berufstätig ist, spüren junge Frauen, dass die Karriereplanung stagniert, sobald Familiengründung für Arbeitgeber eine Option darstellt. Damit sich diese Haltung verändert, braucht es gegenseitige Ehrlichkeit und Offenheit.

Susan Edthofer

Susan Edthofer

Susan Edthofer ist Pädagogin und Texterin. Früher war sie als Redaktorin für die Fachzeitschrift «4 bis 8» tätig. Seit 2011 arbeitet sie als Redaktorin für die Pro Juventute Elternbriefe und verfasst regelmässig Beiträge zu Erziehungsthemen.

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