Probleme in der Lehre – abbrechen oder weitermachen?

Probleme in der Lehre – abbrechen oder weitermachen?

Mit dem Einstieg in die Berufslehre werden Jugendliche mit Erwartungen von Lehrbetrieb, Berufsfachschule und Eltern konfrontiert. Was geschieht, wenn sie diesen nicht entsprechen, der gewählte Beruf nicht passt oder sie sich im Lehrbetrieb nicht wohlfühlen? Wann macht es Sinn, eine Lehre durchzuziehen und wann nicht? Und wie lässt sich ein Lehrabbruch verhindern?

Lehrvertragsauflösungen sind keine Seltenheit. Gemäss Bundesamt für Statistik wurden im Jahr 2017 rund zwanzig Prozent aller Lehrverträge aufgelöst. Die Wahl des falschen Lehrberufes, Schwierigkeiten im Lehrbetrieb oder in der Berufsfachschule sowie persönliche Probleme können dazu führen, ein Lehrverhältnis zu beenden.

Nicht immer besteht die beste Lösung darin, die berufliche Grundbildung vorzeitig abzubrechen. Generell gilt: Bei Problemen in der Ausbildung sollte frühzeitig Hilfe gesucht werden. So ist die Chance am grössten, eine für alle Seiten befriedigende Lösung zu finden. Eltern unterstützen ihre Tochter, ihren Sohn, indem sie helfen, die Situation zu analysieren: Wo bestehen Probleme? Was könnten die Ursachen sein? Je nach Problembereich gibt es verschiedene Vorgehensweisen und zusätzliche Unterstützungsangebote.

Den falschen Beruf gewählt

Ein häufiger Grund für das Auflösen eines Lehrvertrags ist die falsche Berufswahl. Wenn Jugendliche schon zu Beginn der Lehre merken, dass sie sich den Beruf ganz anders vorgestellt haben, und die Aufgaben überhaupt nicht den eigenen Interessen und Fähigkeiten entsprechen, ist es sinnvoll, die Berufswahl nochmals kritisch zu überdenken. In diesem Fall sind Berufsberaterinnen und Berufsberater der öffentlichen Berufsberatungsstellen die richtigen Ansprechpersonen. Gemeinsam mit der oder dem Jugendlichen nehmen sie die Berufswahl unter die Lupe und suchen gegebenenfalls nach Alternativen. Dieses Angebot ist kostenlos und vertraulich.

Probleme im Lehrbetrieb

Oft kommt es zu Problemen im Lehrbetrieb, obwohl der Beruf gefällt. Mögliche Ursachen sind Konflikte mit Mitarbeitenden, Über- oder Unterforderung am Arbeitsplatz. Treten Schwierigkeiten im Betrieb auf, sollte die Berufsbildnerin, der Berufsbildner die erste Ansprechperson sein. Eltern können ihr Kind zu einer Aussprache ermutigen und – falls die Tochter oder der Sohn das möchte – an ein Gespräch begleiten. Eine gute Vorbereitung, siehe Links, hilft jungen Berufsleuten, Probleme offen anzusprechen und Vorschläge anzubringen, wie die Situation vom Betrieb und den Lernenden verbessert werden kann.

Gemeinsam nach Lösungen suchen

Wird im Gespräch keine Einigung erzielt oder lässt sich das Problem nicht mit der Berufsbildnerin, dem Berufsbildner besprechen, kann die zuständige Lehraufsicht, in manchen Kantonen auch Berufsinspektor/in genannt, beigezogen werden. Diese analysiert die Situation, tritt z. B. in Kontakt mit dem Lehrbetrieb oder ist bei einem klärenden Gespräch mit dem Lernenden und dem Betrieb anwesend. Bestenfalls gelingt so eine Weiterführung der Lehre im ursprünglichen Unternehmen. Unterlagen, um ein Gespräch mit dem Lehrbetrieb vorzubereiten, stellt beispielsweise der Kanton Aargau zur Verfügung: Vorbereitung auf das Gespräch im Lehrbetrieb

Ist es unmöglich, die Lehre im gleichen Betrieb fortzusetzen, gilt es, mit Unterstützung der Lehraufsicht, über persönliche Kontakte oder allenfalls mit Hilfe des aktuellen Arbeitgebers, einen neuen Lehrbetrieb zu finden. Erstrebenswert ist, die Lehre möglichst lückenlos weiterzuführen.

Schwierigkeiten in der Schule

Bei Schwierigkeiten in der Berufsfachschule können sich Lernende an ihre Klassenlehrperson wenden. Zusammen mit dem oder der Jugendlichen lotet die Berufsfachschullehrperson die beste Vorgehensweise aus. Möglicherweise braucht es einen grösseren Lernaufwand, effizientere Lerntechniken, Nachhilfeunterricht oder Stützkurse. Falls die Lehrperson nicht weiterhelfen kann, ist das Rektorat der Berufsfachschule die nächste Anlaufstelle.

Gefährden Lernblockaden oder Prüfungsangst den Schulerfolg kann ein Gespräch mit einer psychologisch geschulten Fachperson hilfreich sein. Je nach Wohnort sind der Schulpsychologische Dienst, die Schulberatung, die Jugendberatung oder Coachingangebote des Berufsbildungsamtes zuständig, um Jugendliche zu beraten und in schulischen, aber auch persönlichen Krisensituationen zu unterstützen.

Persönliche Probleme

Manchmal ist der erfolgreiche Abschluss einer Lehre aufgrund persönlicher Probleme des Jugendlichen gefährdet. Fachleute von Beratungsstellen aus der Region helfen, neue Handlungsmöglichkeiten zu entdecken und Lösungen zu erarbeiten. Auch Erziehungsverantwortliche finden dort Unterstützungsmöglichkeiten.

Lehrabschluss trotz Widrigkeiten

Kurz vor dem Lehrabschluss macht eine Lehrvertragsauflösung wenig Sinn. Unter Umständen trägt ein offenes Gespräch mit der Berufsbildnerin, dem Berufsbildner dazu bei, während der noch verbleibenden Lehrzeit leichter über die Runden zu kommen. Ein Coaching oder eine (Berufs-)beratung hilft, Motivationskrisen zu überwinden und bis am Schluss durchzuhalten. Neue Perspektiven, die erst nach der Lehre möglich sind, verdeutlichen den Wert des Lehrabschlusses. Allenfalls baut die gewünschte Anschlusslösung auf dem Lehrberuf auf.

Auflösung des Lehrvertrags

Eine Lehrvertragsauflösung ist zugleich ein Neuanfang. Hilfreich ist, wenn Eltern ihr Kind ermutigen, nach vorne zu blicken und die Situation neu zu beurteilen. Eine Neubeurteilung der Situation (z. B. mit Unterstützung der Berufsberatung) hilft, den Weg zu einem Lehrabschluss erfolgreich zu meistern. Gut zu wissen, dass der grösste Teil der Jugendlichen, die einen Lehrvertrag auflösen, die Lehre entweder in einem anderen Betrieb oder anderen Beruf fortführen. Von einem Lehrabbruch spricht man also erst, wenn die oder der Jugendliche nicht wieder in eine Berufslehre einsteigt.

Brückenangebote und Zwischenlösungen

In der Regel dürfen Jugendliche ohne sofortige Anschlusslösung die Berufsfachschule während drei Monaten weiterhin besuchen. Die genaue Regelung erfährt man bei der jeweiligen Schule. Zudem bietet jeder Kanton Brückenangebote oder Zwischenlösungen an. Informationen erhält man bei den Berufsberatungsstellen.

Besteht die Gefahr einer Arbeitslosigkeit, können sich die Lernenden beim zuständigen Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) melden.

Aufgepasst: Nach einer Lehrvertragsauflösung läuft die obligatorische Unfallversicherung dreissig Kalendertage weiter, anschliessend erlischt sie. Wird innerhalb dieser dreissig Tage eine neue Stelle angetreten, ist man automatisch beim neuen Arbeitgeber unfallversichert. Andernfalls muss sich der oder die Jugendliche unverzüglich beim eigenen Krankenversicherer melden, um die Unfallversicherung zu aktivieren.

Tipps für Eltern

  • Achten Sie darauf, dass Ihr Kind frühzeitig das Gespräch mit der Berufsbildnerin, dem Berufsbildner sucht und das Problem anspricht.
  • Nehmen Sie Unterstützungsangebote, wie Berufsberatung, Jugendberatung, Stützkurse usw. in Anspruch.
  • Wird im Lehrbetrieb keine Lösung gefunden, empfiehlt es sich, die Lehraufsicht des Berufsbildungsamtes einzubeziehen.
  • Je näher sich Ihr Kind vor dem Lehrabschluss befindet, desto weniger Sinn macht eine Lehrvertragsauflösung.
  • Ist eine Lehrvertragsauflösung unumgänglich, sollten Sie Ihr Kind ermutigen, die Situation zuversichtlich zu betrachten und als Chance für einen Neuanfang zu sehen.

Kanton Zürich

Im Kanton Zürich bieten verschiedene Institutionen eine kostenlose Begleitung während der Ausbildung und beim Berufseinstieg an.

In anderen Kantonen informiert die Berufsberatung über zusätzliche Unterstützungsangebote.

Barbara Di Nardo

Barbara Di Nardo

Barbara Di Nardo ist diplomierte Berufs- und Laufbahnberaterin und Psychologin und besitzt langjährige Erfahrung in der Beratung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Bei Pro Juventute unterstützt sie 18 bis 25-Jährige auf dem Weg in eine berufliche Neuorientierung.

Andrea Gimmi

Andrea Gimmi

Andrea Gimmi ist Projektverantwortliche im Team Prävention Jugendarbeitslosigkeit und diplomierte Betriebliche Mentorin. Unter anderem koordiniert sie Bewerbungstrainings in Oberstufenklassen, damit Schülerinnen und Schüler noch intensiver auf den Bewerbungsprozess vorbereitet werden.

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