Linkshändig durch den rechtshändigen Alltag

Linkshändige Menschen müssen sich in einer rechtshändig dominierten Welt zurechtfinden. Das ist möglich, doch vor allem für Kinder nicht ganz einfach. Denn der Alltag hält für kleine und grosse Linkshänderinnen und Linkshänder nach wie vor einige Stolpersteine bereit.

Ob Kinder die rechte oder linke Hand benutzen, spielt heutzutage keine Rolle mehr. Linkshändigkeit gilt nicht länger als Makel und umpolen ist kein Thema. Und doch, der Alltag hält für kleine und grosse Linkshänderinnen und Linkshänder nach wie vor einige Stolpersteine bereit. Geschrieben und gemessen wird von links nach rechts, also gegen den Strich. Schneiden will gelernt sein, denn Scheren sind nicht für Linkshändige konzipiert. Am Computer ist die Maus rechts platziert und wird mit der rechten Hand bewegt. Kabel verwickeln sich oft wie von Geisterhand und Messer, Gemüseschäler, Saucenlöffel, Dosenöffner sind meist für Rechtshänder gemacht. Zum Schneiden muss das Brot gedreht und Messer und Gabel beim Essen getauscht werden.

Längst ist erwiesen, dass die Händigkeit angeboren ist. Noch vor fünfzig Jahren wurden Kinder umerzogen, mit teils negativen Folgen, die sich in mangelnder Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnis- und Wortfindungsstörungen zeigten. Was es bedeutet, wenn man nicht die bevorzugte Hand verwenden darf, merken rechtshändige Menschen erst, wenn sie die rechte Hand verletzt haben und plötzlich alles links machen sollten.

Wertung und Vorurteile

Überbleibsel der negativen Wertung gegenüber Linkshändigkeit finden sich noch heute in unserem Sprachgebrauch: Wer schlechte Laune hat, ist mit dem linken Bein aufgestanden. Wer in eine unangenehme Situation geraten ist, den hat es auf dem linken Fuss erwischt. Wer unsicher auftritt, wirkt linkisch und wer sich ungeschickt anstellt, besitzt zwei linke Hände. Dass Linkshänder Unglück bringen und über einen schlechten Charakter verfügen, war früher eine gängige Meinung. Ganz vorurteilslos scheint man linkshändigen Menschen auch heute noch nicht zu begegnen. Nach wie vor geistert der Mythos umher, dass Rechtshänder grundsätzlich analytisch denken und Linkshänder eher kreativ und emotional seien. Um Vorurteilen zu begegnen und auf Schwierigkeiten hinzuweisen, gibt es seit 1976 einen internationalen Linkshändertag. Jeweils am 13. August wird aufgezeigt, womit linkshändige Menschen in einer Welt für Rechtshändige konfrontiert sind.

Die Tücken des täglichen Lebens

Im Umgang mit Kindern ist es wichtig, die Händigkeit zu beachten, ohne Einfluss zu nehmen. Solange nicht klar ist, ob ein Kind rechts- oder linkshändig ist, sollten Gegenstände so hingelegt werden, dass es wählen kann, mit welcher Hand es zugreifen möchte. Gibt man Besteck oder andere Gegenstände wie selbstverständlich in die rechte Hand werden Kinder leicht beeinflusst. Dass in Kindergärten und Schulen Scheren, Bleistiftspitzer und Füllfedern für Linkshändige vorhanden sind, sollte mittlerweile eine Selbstverständlichkeit sein. Im Hinblick auf das Schreibenlernen sollte die Händigkeit bis zum Schulalter festgelegt sein. Falls sich nicht deutlich herauskristallisiert, ob ein Kind rechts- oder linkshändig ist, kann ein Händigkeitstest durchgeführt werden. So lässt sich klären, mit welcher Hand das Kind schreiben und zeichnen soll.

Und last but not least, dass es auch Tiere gibt, die eine Ausprägung als Linkshänder oder besser gesagt Linkspfoter besitzen, habe ich erst beim Recherchieren dieses Textes erfahren. Scheinbar geben die Fressspuren Aufschluss darüber, ob das Eichhörnchen den Tannzapfen in seiner rechten oder linken Pfote gehalten hat. In der Vogelwelt liegt die Anzahl der so genannten Linksfüssler mit über 90 Prozent noch höher als bei den rechtshändigen Menschen.

Was Eltern tun können – vier Tipps

  • Steht die Händigkeit des Kindes noch nicht fest, sollten Eltern Malutensilien, Stifte oder das Besteck so hinlegen, dass es unbeeinflusst entscheiden kann, mit welcher Hand es die Dinge greifen möchte.
  • Utensilien, wie Linkshänderschere, Gemüseschäler, Saucenlöffel, besorgen, die sich für beide Hände eignen.
  • Einem linkshändigen Kind Fertigkeiten wie Schuhe, Schleife binden seitenverkehrt beibringen. Darauf hinweisen, dass die Hand beim Schreiben locker unter der Zeile geführt wird, um das Geschriebene nicht zu verschmieren.
  • Den Arbeitsplatz des Kindes linkshänder freundlich einrichten: Der Lichteinfall sollte von rechts kommen und das Blatt etwas schräg nach rechts gedreht werden. Bei einer korrekten Schreibhaltung zeigt das Ende des Stiftes zur linken Schulter.
Susan Edthofer

Susan Edthofer

Susan Edthofer ist Pädagogin und Texterin. Früher war sie als Redaktorin für die Fachzeitschrift «4 bis 8» tätig. Seit 2011 arbeitet sie als Redaktorin für die Pro Juventute Elternbriefe und verfasst regelmässig Beiträge zu Erziehungsthemen.

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