Deregulierung in der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung: Kinder hüten oder fördern?

Über 70 % aller Kinder werden in der Schweiz familienergänzend betreut. Fast die Hälfte aller Kinder nutzen ein institutionelles Angebot. Dieser Anteil wäre noch viel höher, wenn Krippe oder Hort für viele Eltern nicht zu teuer wären. Darüber herrscht zumindest in der deutschsprachigen Schweiz Konsens. Unter dem irreführenden Titel «Krippen stärken statt schwächen» haben Mitte September drei Zürcher Kantonsräte (SVP, FDP, CVP) den Regierungsrat aufgefordert, die Voraussetzungen für die Bewilligung und Führung von Kinderkrippen zu senken, um so die Elterntarife zu reduzieren.

Sparen, wo heute bereits zu viel gespart wird

Die Kosten für die Eltern senken zu wollen, ist löblich. Dies nun aber über einen Angebotsabbau vorzuschlagen, in einem Kanton, wo bereits heute vergleichsweise sehr wenige Qualitätskriterien in Bezug auf die pädagogische Arbeit vorgegeben sind, ist ein Affront gegenüber allen betroffenen Kindern, ihren Eltern und den heutigen Leistungsanbietern.

Wie mehrere Studien zeigen, bringen Investitionen in die familien- und schulergänzende Kinderbetreuung der Gesellschaft ein Mehrfaches an Erträgen zurück. Dies ist aber nur dann der Fall, wenn die Angebote qualitativ gut sind und das wiederum hängt in erster Linie von einer ausreichenden Anzahl gut ausgebildeter und erfahrener Betreuerinnen und Betreuer ab.

Davon sind wir in der Deutschschweiz jedoch weit entfernt. Werden nun die Angebote zur Bildung, Betreuung und Erziehung der jüngsten Kinder geschwächt, indem die Anforderungen gesenkt werden, geschieht das in einem Altersabschnitt der Kinder, von dem wir wissen, dass er wegweisend für den weiteren Lebenslauf ist. In diesem Alter können mit familienunterstützenden Massnahmen soziale und sprachliche Nachteile wettgemacht und somit die sozioökonomischen Nachteile am besten reduziert werden.

Qualitativ gute Kinderbetreuung kostet, denn gute Qualität ist in erster Linie von der Ausbildung der Betreuungspersonen und vom Betreuungsschlüssel abhängig. Zwischen 70 und 80 % der Vollkosten eines Krippen- oder Horttages sind heute Personalkosten, dies wohlgemerkt bei einem aktuellen Anteil von 43 % der Betreuungspersonen ohne spezifische Ausbildung. Ich glaube nicht, dass bei dieser Ausgangslage beim grössten Budgetposten weiter Geld gespart werden kann, ganz im Gegenteil. Die personelle Ausstattung in der institutionellen Betreuung ist bereits heute meist zu knapp, was besonders bei krankheitsbedingten Personalausfällen zum Problem wird.

Das Zürcher Postulat verlangt eine Deregulation in einem Kanton, in dem bereits vergleichsweise schlechte Rahmenbedingungen vorherrschen: So müssen bspw. Aufsicht und Bewilligung von Kinderkrippen und privaten Horten von den einzelnen Gemeinden wahrgenommen werden statt wie in den meisten anderen Kantonen von einer kantonalen Fachstelle mit entsprechendem Know-how. Zudem müssen die öffentlichen Horte nur von der eigenen Schulpflege überprüft werden. – Good Governance ist noch kein Thema. – Auch werden die wissenschaftlich empfohlenen Fachkraft-Kind-Relationen (Verhältnis der Anzahl ausgebildeter Betreuer/innen zu betreuten Kindern) selten eingehalten. Eltern und Kinder treffen also je nach Wohn- resp. Betreuungsort qualitativ unterschiedliche Angebote an.

Schweiz investiert zu wenig – auch Arbeitgeberverband ist dieser Meinung

Wir kommen als Gesellschaft nicht darum herum, mehr in die Kinderbetreuung zu investieren. Auch der Schweizerische Arbeitgeberverband hat dies erkannt und setzt sich dafür ein, dass zusätzliche Gelder der öffentlichen Hand in die institutionelle Kinderbetreuung fliessen. Im internationalen Vergleich stehen wir mit Investitionen von 0,2 % des Bruttoinlandprodukts (BIP) in die Bildung und Betreuung von Kindern am Schlusslicht gegenüber einem OECD-Durchschnitt von 0,8 %. – Beschämend für ein so reiches Land wie die Schweiz! Diese zusätzlichen Investitionen wären gerade für die Senkung der Elterntarife und die Verbesserung der Qualität der Angebote absolut notwendig. Um das Wohl der Kinder zu fördern bzw. um das Wohl der betreuten Kinder zumindest nicht zu gefährden, muss es möglich sein, dass die Krippen und Horte mit einem höheren Anteil an ausgebildeten Betreuungspersonen und einem besseren Betreuungsschlüssel arbeiten können.

Wollen wir, dass die Kinder in der Schweiz in der institutionellen Betreuung auch gefördert und nicht nur gehütet werden, so müssen wir als Politiker/innen und als Gesellschaft Ja sagen zu zusätzlichen öffentlichen Finanzmitteln. Diese Investitionen zum Wohle der Familien und ihrer Kinder, zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit, aber auch zur Gleichstellung von Mann und Frau sind für eine zufriedene, prosperierende Gesellschaft wichtig.

Jeder investierte Franken bringt langfristig ein Mehrfaches an Erträgen

Mehr finanzielle Mittel einzufordern ist unpopulär, ich weiss. Doch bitte ich die Politikerinnen und Politiker die langfristige Perspektive zu den Investitionen in unsere Kinder, sprich unsere zukünftige Gesellschaft, einzunehmen. Ich erinnere an die Schweizer Bass-Studie, die ein Nutzen-Kosten-Verhältnis kurzfristig von 1.20 bis 2 Franken und langfristig von 2.60 bis 3.50 Franken, die pro investierten Franken zurückfliessen, ausweist, ohne dabei verschiedene zusätzliche Nutzenwirkungen, wie bspw. die Bildungsrendite, zu berücksichtigen.

Die Gesellschaft hat sich gewandelt. Der Anteil an familienergänzend betreuten Kindern wird weiter zunehmen. Neben einer partnerschaftlich aufgeteilten Elternzeit und familienfreundlichen Arbeitsbedingungen sind qualitativ hochwertige Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder zudem die wichtigste Massnahme zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit. Auch unter diesem Aspekt stehen Investitionen an.

Nadine Hoch

Nadine Hoch

Nadine Hoch ist Vizepräsidentin der Eidgenössischen Kommission für Familienfragen EKFF und Vizepräsidentin des Netzwerks Kinderbetreuung Schweiz NKS und war bis vor kurzem Geschäftsleiterin von kibesuisse, Verband Kinderbetreuung Schweiz

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