Digitale Medien in der Kindererziehung

Eltern, die ihre Kinder begleiten und digitale Medien korrekt verwenden, stellen fest, dass Medienkompetenz Hand in Hand mit Primärerfahrungen und kognitiven Fähigkeiten vermittelt werden kann. Wenn der Medienkonsum der Kinder richtig angewendet werden, müssen sie kein «Schreckgespenst» sein.

Kinderzimmer sind ein Spiegel der Zeit und die Spielsachen deuten auf gesellschaftlich relevante Themen hin. Dass sich das Spielangebot und das Spielverhalten der Kinder verändern, war früher nicht anders als heute. So kam es, dass beispielsweise das schlichte Holzspielzeug mehr und mehr durch farbiges Plastikspielzeug ersetzt wurde und Geschichten nicht nur erzählt, sondern ab Schallplatten, Kassetten oder CDs gehört wurden. Heute finden sich im Kinderzimmer eines Vorschulkindes neben Spielsachen auch Medien wie Bilder- und Vorlesebücher sowie ein Audiogerät zum Anhören von Geschichten und Musik. Manchmal gehört bereits ein bunter Lerncomputer oder ein kleines Videospielgerät dazu. In seltenen Fällen steht im Kinderzimmer ein Fernsehgerät oder das Kind besitzt ein eigenes Tablet. Kurz: Vorschulkindern steht ein breites Medienensemble zur Verfügung.

Eigene Erfahrungen machen

In Bezug auf die wesentlichen Entwicklungsschritte, die ein Kind beim Aufwachsen erlernen muss, hat sich – abgesehen von den technischen Neuerungen der Medien – wenig verändert. Kinder möchten die Welt entdecken und dafür sind Primärerfahrungen zentral. Solche Erfahrungen macht das Kind mit dem eigenen Körper, beim Tasten, Hören, Sehen, Riechen, Schmecken. Im Sandkasten buddeln, eine Katze streicheln, Steine ins Wasser werfen, Teig kneten oder die ersten Versuche, Buchstaben auf ein Papier zu kritzeln. Neben all diesen nichtmedialen Tätigkeiten kommen Kinder schon früh mit Medien in Kontakt und beobachten genau, wie die Eltern damit umgehen. Sieht das Kind, wie die Mutter oder der Vater am Laptop arbeitet oder auf dem Smartphone Fotos anschaut, möchte es dies wahrscheinlich ebenfalls probieren. Bei der Mediennutzung nehmen Eltern also eine wichtige Vorbildrolle ein.

Digitale Medien als Ergänzung

Obwohl Kinder Bildschirmmedien spannend finden, ist das Spielen mit Freundinnen und Freunden drinnen und draussen meistens wichtiger. Dennoch sind viele Eltern besorgt, dass ihr Kind immer weniger eigene und direkte Erfahrungen mit allen Sinnen macht und diese so genannten Primärerfahrungen verkümmern, weil digitale Medienangebote indirekte Erfahrungen vermitteln: Die App, mit der man Legosteine aufeinanderschichtet, das Videospiel, um ein Haustier zu pflegen oder Fernsehsendungen, die das Spielen ersetzen. Wichtig ist, dass Kinder beim drinnen und draussen Spielen eigene und vielfältige Erfahrungen machen. Kein Kind unter drei Jahren verpasst etwas, wenn es noch keine Bildschirmmedien konsumiert. Handkehrum trägt kein Vorschulkind einen bleibenden Schaden von Bildschirmmedien davon, wenn es zeitlich begrenzt und begleitet ein altersgerechtes Angebot nutzt. Ein Vorschulkind braucht also weder einen eigenen Fernseher im Zimmer noch ein eigenes Tablet und auch keinen eigenen Computer.

Gemeinsame Medienmomente

Der Umgang mit digitalen Medien will erlernt werden und die Entwicklung von Medienkompetenz beginnt bereits beim Betrachten eines Buches, z. B. wenn das Kind einem Elternteil auf dem Schoss sitzt und genüsslich an der Ecke eines Bilderbuches nuckelt oder mit viel Elan die Buchseiten zu wenden versucht. Mit dem Vorlesen fangen für das Kind erste Medienmomente an. Später kann gemeinsam eine Kinder-App entdeckt oder eine Kindersendung angeschaut werden. Je jünger das Kind ist, umso wichtiger ist, dass es im Umgang mit Medien von einer Bezugsperson begleitet wird. Aus verschiedenen Studien, wie beispielsweise die MIKE-Studie 2017, geht hervor, dass Bücher und Audiomedien nach wie vor zu den Lieblingsmedien kleiner Kinder zählen, auch wenn das Fernsehen als Leitmedium der Vorschulkinder grosse Faszination ausübt. Weil die Mediennutzung immer weniger an einen Ort gebunden ist, können bewegte Bilder und animierte Filme auf dem Tablet oder Smartphone überall geschaut werden.

Die Bedeutung der eigenen Medienvergangenheit

Bei der Auswahl von Medien orientieren sich Eltern nicht nur daran, wie die Qualität eines Angebots bewertet wird, sondern erinnern sich an die eigene Medienvergangenheit: Womit habe ich gerne gespielt? Welche Medien kenne ich aus meiner Kindheit? Welche Medienerfahrungen wünsche ich meinem Kind und welche nicht? Wie gelangt mein Kind zu einem sinnvollen und vernünftigen Umgang mit digitalen Medien? An solchen Leitfragen orientieren sich Mütter und Väter, wenn es darum geht, ihren Kindern den Umgang mit Medien zu ermöglichen und Regeln für die Familie aufzustellen. Beim Mitgestalten des Medienkonsums wird die Wahrnehmung gefördert, dass Medien nicht aussergewöhnlich oder negativ sind, sondern einfach einen Bestandteil unserer Welt darstellen und auch gemeinsam genutzt werden können. Ob online oder offline, entscheiden ist, dass der Familienalltag durch Erlebnisse geprägt ist, die man miteinander erlebt.

Medienkonsum in Kitas

Viele Eltern sind der Meinung, dass es nicht nötig sei, digitale Medien in der Kita oder Spielgruppe zu nutzen. Für Kinder, die bei der Mediennutzung nicht von den Eltern begleitet werden, sind Medienerfahrungen und Medienprojekte in Vorschuleinrichtungen jedoch eine Möglichkeit, Defizite auszugleichen. Mit altersgerechten Medienprojekten lassen sich bereits im Vorschulbereich Grundsteine legen, z. B. durch Ratespiele, Gedächtnisspiele wie Memory oder Entdeckungsspiele. Wichtig ist, dass Eltern gut informiert werden, wie Vorschuleinrichtungen digitale Medien einsetzen. Es geht nicht nur darum, zu klären, ob ein Kind ein Medium nutzen darf, sondern auch um Persönlichkeitsrechte und Datenschutz, bei Fotos oder Videoaufnahmen.

Das Medienmenü mitgestalten

Die rasche technologische Medienentwicklung kann dazu führen, dass sich Eltern überfordert fühlen. Natürlich sind sie den Entwicklungen nicht einfach ausgeliefert und können das Medienmenü der Kinder durchaus mitgestalten. Wichtig ist herauszufinden, weshalb ein Kind ein bestimmtes Medienangebot konsumieren möchte und keine andere Tätigkeit vorzieht. Bei Kindern im Vorschulalter nehmen Mütter und Väter meist eine stark regulierende Funktion ein. Sie filtern, was das Kind mit den Medien macht, welche Medien es konsumiert oder was es aus den Medien erfährt. Je älter das Kind wird, umso mehr nimmt diese Kontrollfunktion ab. Angeleitet von Erwachsenen lernt das Kind, Medieninhalte kritisch anzuschauen, sie zu geniessen, auszuwählen und über Medienerfahrungen zu sprechen.

Tipps für Eltern

  • Vorschulkinder brauchen in erster Linie Primärerfahrungen, die Sie durch ausgewählte Medienangebote ergänzen können.
  • Obwohl Bildschirmmedien faszinieren, stehen bei jungen Kindern Bücher und Audiomedien nach wie vor hoch im Kurs. Nutzen Sie dieses Interesse und lesen Sie Ihrem Kind regelmässig vor.
  • Was Sie Ihrem Kind im Umgang mit digitalen Medien erlauben, hängt von Ihrer Einstellung ab und welche Erinnerungen Sie mit einem Medium verknüpfen. Erklären Sie Ihrem Kind die Medienregeln, die in Ihrer Familie gelten. Je älter es ist, umso eher kann es Ihre Absicht verstehen.
  • Wenn Sie Ihr Vorschulkind beim Medienkonsum begleiten, können Sie auftauchende Fragen direkt beantworten und gemeinsam in ein Medienabenteuer eintauchen. So lernt Ihr Kind Inhalte mit dem Tablet, durch Fernsehen oder beim Videospiel kennen und verstehen.
  • Es gibt eine Vielzahl von kindgerechten und pädagogisch wertvollen Angeboten für Bildschirmmedien, die Spass bereiten. Um eine gute Auswahl zu treffen, brauchen Sie jedoch Zeit und Interesse.

Links zum Thema

Literaturtipps

  • Neuss, Norbert (2012): Kinder und Medien.
  • Hipeli, Eveline (2014): Medien-Kids. Bewusst umgehen mit allen Medien – von Anfang an. Beobachter Edition.
  • Weitere Merkblätter der Pro Juventute

Hat Ihnen der Artikel weitergeholfen?

0
0
Daniel Betschart

Daniel Betschart

Daniel Betschart ist bei Pro Juventute für den Themenbereich Medienkompetenz zuständig. Er koordiniert Projekte und Programme für Kinder, Jugendliche und Eltern rund ums Thema digitale Medien. Er war lange in der offenen Jugendarbeit tätig und ist Vater von 2 Buben.