Den öffentlichen Raum neu denken – auf dem Weg zur bespielbaren Stadt

Eine Stadt, in der Kinder den öffentlichen Raum spielerisch mitgestalten und sich sicher bewegen können, ist auch lebenswert für Erwachsene.

Bald wird mehr als die Hälfte der Kinder der Welt in Städten leben.

Die Aufwachs- und Lebensbedingungen von Kindern in der Stadt haben einen enormen Einfluss auf ihre Entwicklung. Im Gegenzug beeinflussen Kinder das Stadtbild, sowohl durch ihre lebhafte Anwesenheit, aber gerade auch dann, wenn sie nicht sichtbar sind. Kinder sind damit eine Art Indikator für die allgemeine Qualität des Lebensraums „Stadt“.

Freiräume für Kinder unter Druck

Freiräume für Kinder sind, sowohl zeitlich wie auch räumlich verstanden, mit der zunehmenden Verdichtung unserer Lebensräume und dem stärker werdenden Sicherheitsbedürfnis der Eltern, sowie der zeitlichen Strukturierung der Freizeit der Kinder, in Bedrängnis. Die Pro Juventute Freiraum-Studie aus dem Jahr 2016 hat gezeigt, dass Kinder in der Schweiz durchschnittlich nur noch 29 Minuten pro Tag ohne Aufsicht  im Freien verbringen und dies meistens im Hof oder Garten. Öffentliche Räume (Strassen, Plätze, Grünanlagen) spielten für Kinder eine deutlich geringere Rolle. Dabei wäre der als Spielraum nutzbare öffentliche Raum nicht nur ein Gewinn für die Lebensqualität von  Kindern –  an Orten, wo Spiel möglich ist, ist Begegnung, Bewegung, Aneignung und Naherholung für alle Generationen möglich – auch in innerstädtischen Zonen. Es ist deshalb im Interesse der gesamten Stadtbevölkerung, wenn Stadtentwicklung sich stärker nach den Bedürfnissen von Kindern ausrichtet und das Spiel als Aneignungs- und Mitwirkungsform für urbane Räume für alle Generationen genutzt würde.

Vom Spielplatz zur bespielbaren Stadt

Die Vision einer bespielbaren Stadt kehrt die Vorstellung um, dass Räume für Kinder als abgegrenzte Spielplätze gedacht werden, die von anderen Teilen des öffentlichen Raums abgetrennt sind. Im Vordergrund steht stattdessen die Schaffung eines Netzwerks von untereinander verbundenen Räumen und Strassen, die so offen gestaltet sind, dass Kinder sich frei bewegen und spielen können. Dadurch entsteht eine Stadt die nicht nur kinderfreundlich ist, sondern für alle Generationen lebenswertere öffentliche Räume bietet.

Ein hoher Spielwert einzelner städtischen Räume wird erreicht, wenn Objekte, Räume und Design möglichst viele Handlungsmöglichkeiten zulassen und zu verschiedenen Spielarten auffordern. Die Stadt insgesamt wird bespielbar, wenn sie Möglichkeiten für Erkundung, Spiel und sozialen Austausch eröffnet und  bestenfalls als eine grosse, vernetzte Spiellandschaft gestaltet ist.

Der Weg zur bespielbaren Stadt setzt den Willen voraus, den öffentlichen Raum ganzheitlich und neu zu denken. Pro Juventute unterstützt Gemeinden und Städte auf diesem Weg.

Petra Stocker

Petra Stocker

Petra Stocker koordiniert im Bereich «Freiraum & Partizipation» die Pro Juventute Spiel- und Sozialraumprojekte. Sie ist seit acht Jahren in der offenen Arbeit mit Kindern tätig – ihre Schwerpunkte liegen auf den Themenbereichen Räume bespielen und Spielräume eröffnen.

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